“Eine U-Bahn von Lemberg bis nach Auschwitz”

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Unser Autor war mit Deutschland-Fans unterwegs in der Ukraine. Dabei erlebte er einige Dinge, über die hierzulande kaum berichtet wird: Nationalismus, Nazi-Kult, Antisemitismus und Rassismus gehören offenbar noch immer zum unguten Ton bei Auswärtsspielen der Nationalmannschaft.

Ein Erlebnisbericht aus der Ukraine von Florian Schubert.

Da lacht das deutsche Herz und BILD-Redakteure freuen sich über eine "gelungene" Provokation: "Heimspiel in Danzig"

Da lacht das deutsche Herz und BILD-Redakteure freuen sich über eine “gelungene” Provokation: “Heimspiel in Danzig”

Vor der EM wurde zuwar viel über das Rassismus- und Naziproblem in ukrainischen Stadien berichtet, doch endlich einmal, so schien es, sollten Diskriminierung und Gewalt im Umfeld von Fußballspielen nicht mit deutschen Fans in Verbindung gebracht werden: Rassismus, Antisemitismus und aggressiver Nationalismus im Zuge von Spielen der deutschen Nationalmannschaft sollten der Vergangenheit angehören.

Wie man mittlerweile weiß, ist dem leider nicht so: Die UEFA ermittelt gegen den DFB, weil deutsche Fans im Spiel gegen Dänemark durch “ungebührliches Verhalten” und “unangebrachte Sprechchöre” aufgefallen sind. Beim Spiel wurde ein Banner mit der Fraktur-Aufschrift “Gott mit uns” gezeigt- der Wahlspruch, der im Zweiten Weltkrieg auf den Gürtelschnallen der Wehrmachtssoldaten prangte. Nach Informationen von publikative.org soll es sich dabei offenbar um die Fahne einer Gruppierung aus Zwickau handeln, die auch dort regelmäßig bei den Heimspielen des örtlichen FSV hängt.

“Wer zeigt den Deutschen Gruß? Du Neger!”

Wer sich zu einem Spiel der deutschen Nationalmannschaft begibt, macht leider ähnliche Beobachtungen: Schon auf der Hinfahrt mit einem Bus aus Deutschland stimmten mitreisende Fans zum „Aufwärmen“ einen Gesang an, in dem die Zeile „Scheiß Parasiten, Hängt die Zigeuner von Schalke 04“ vorkommt und stellen lauthals die Frage: „Wer hebt die Hand zum Deutschen Gruß?“ „Kanake“ und „Du Neger“ als Schimpfwörter gehören für viele Busreisende offensichtlich zum normalen Sprachgebrauch. Niemand schien sich daran zu stören.

Bereits am Abend des ersten Spiels der deutschen Nationalmannschaft gegen Portugal kommen mir deutsche Fans vor der großen Public Viewing Area mit „Deutschland, Deutschland über alles in der Welt!“ entgegen. Als ich an der mobilen deutschen Fanbotschaft ankomme, regt man sich dort gerade über den Hitlergruß zeigende Deutschlandfans auf. Auf dem Tisch der Fanbotschaft liegt eine wirklich sehr gelungene Broschüre der KOS (Koordinationsstelle Fanprojekte).aus, in der für jeden Spielort der EM die dortigen Gedenkstätten zur deutschen Besatzung während des 2. Weltkrieg beschrieben werden. Zusätzlich werden noch ein paar Hintergrundinformationen zur jeweiligen Stadt gegeben. Aber interessiert sich auch jemand dafür?

Pickelhauben und “88″-Trikots auf dem Marktplatz

Marktplatz-Lemberg: Trikot "88" (Foto: Florian Schubert)

Marktplatz-Lemberg: Trikot “88″ (Foto: Florian Schubert)

Auf dem Markplatz, wo auch die Fanbotschaft steht, läuft jedenfalls ein Fan mit der Rückennummer „88“ auf einem Trikot herum. Die beiden Ärmel werden jeweils von einem großen Eisernen Kreuz geziert. Draußen vor einer Kneipe am Marktplatz hat inmitten einer Gruppe von jemand eine Pickelhaube auf. Ein „Scherzartikel“, der sich schon seit der WM 2006 großer Beliebtheit erfeut, hier in einer ehemals von deutschen Soldaten besetzten Stadt aber noch geschmackloser wirkt als sonst. Beim Einsteigen in die Busse Richtung Stadion kommt der nächste Fan im Deutschland-„88“-Look.

Im Trolleybus auf dem Weg zum Stadion fällt mir ein Dresdner Fan mit „Elbflorenz“-Mütze auf, der ein T-Shirt trägt auf dem ein überdimensionierter Panzer mit Fußball abgebildet ist. Dazu steht der Spruch „Europameister 2012“. Dieses T-Shirt wird vom Versand „Sieg oder Spielabbruch“ vertrieben, welcher wiederum aus dem Umfeld der Hooligangruppe „Standarte Bremen“ und der Band „Kategorie C“ kommt. Der Träger steht in einer Gruppe Dresdner Fans die neben dem obligatorischen „Deutschland, Deutschland, Deutschland“ auch „Ha ho, he, Faschisten SGD“ brüllen und zur Melodie von „Jingle Bells“ „Besiktas, Trabzonspor, Galatasaray, Fernebace Istanbul. Wir hassen die Türkei!“ singen. In einem anderen Buss soll sogar das “Auschwitz-Lied”, diesmal in der Fassung “Wir bauen eine U-Bahn von Lemberg bis nach Auschwitz” gesungen worden sein, berichtet mir später ein Bremer Fan.

„Hurra, Hurra. Die Deutschen, die sind da!“

Thor Steinar Träger im Stadion (Foto: Florian Schubert)

Thor Steinar Träger im Stadion (Foto: Florian Schubert)

Im Stadion angekommen, muss man nach dem ersten „Thor Steinar“-Pulli-Träger nicht lange suchen. Im Stadion selbst bleibt es bis auf weißen Rauch gegen Ende des Spiels ruhig. Doch auch hier werden typische Gesänge angestimmt, die keinerlei Sensibilität gegenüber der deutschen Geschichte in Osteuropa erahnen lassen: Vom „Sieg“-Gebrülle, dass hier fatal daran erinnert, dass danach einst noch ein „Heil“ folgte, über „Hurra, Hurra. Die Deutschen, die sind da!“ bis hin zu „Que sera, sera, die Deutschen sind wieder da!“ und dem „Mexico“-Lied der Onkelz wird das ganze Repertoire abgespult.

Nach dem Spiel begrüßen sich dann manche Fans auf dem zentralen Marktplatz von Lviv mit dem Hitlergruß. Auch darüber beschwert sich niemand. Am Tisch neben mir schimpft jemand über die „scheiß Kanaken.“ Er meint damit den Kellner, der kein Englisch versteht. Der Fan selbst kann augenscheinlich weder Ukrainisch, Polnisch oder Russisch, weswegen sich die Kommunikation als schwierig erweist. Aus einer Dreiergruppe mit Deutschlandtrikots zeigt einer direkt neben mit den erneut den Hitlergruß. Auf die Frage, was der Nazidreck solle, fragt er zurück: „Was dagegen?“ Die drei gehen weiter, drehen sich nach ca. 50 Metern noch einmal gleichzeitig zusammen um und rufen in unsere Richtung: „Sieg Heil, Fotze und Schwuchtel“ und verschwinden dann. I

Kaum etwas von diesen Erlebnissen taucht in der Berichterstattung über die Spiele der deutschen Nationalmannschaft auf. Dabei müssen auch Journalisten solche Beobachtungen gemacht haben. Erschreckend ist auch, dass sich scheinbar kaum einer der mitreisenden Deutschlandfans an den beschriebenen Gesängen, Äußerungen und Verhaltensweisen stört. Und das in einer Stadt, in der während der Zeit des Nationalsozialismus über eine halbe Million Menschen von den Deutschen Besatzern ermordet wurde – nahezu die gesamte jüdische Bevölkerung (über 400.000 Männer, Frauen und Kinder), aber auch gut 140.000 russische Kriegsgefangene.

Siehe auch: Wettbewerbsgrundlage Nationalismus

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